Eine Geschichte

((read this in english))

Eine Geschichte aus zusammengelegten Karten

Um den Tisch saß eine Familie. Das schwarze Pferd im Stall, ein stattlicher Hengst, hatte nach meiner Vorstellung zu wenig Platz. Der Strand war nah, auch wenn der zarte Großvater nur zum Angeln dahin ging. Er traf dort auf meine Tochter, die sich neben ihn stellte, wann immer sie konnte. Der kräftige, ja starke Vater zeigte uns sein Pferd, verschloss später wieder die Tür, als wir in der viel zu hellen Sonne standen, die Mutter trieb uns zurück an den kleinen weißen Tisch, die Anzahl der Kinder wechselte von Zeit zu Zeit, sie hatten fünf, das kleinste war sieben Jahre und zeigte meiner Tochter die Kaninchen. Wir kommen aus der Stadt, sagte ich entschuldigend, entschuldigend für Sonnenbrand, Katzenallergie, Angst vor Pferden, das Ablehnen des Pflaumenschnapses, zumindest zu Beginn. Wir kommen aus der Stadt, sagte ich für: Wir haben keine Ahnung, tut mir leid. Wie man den Schnaps brennt oder ein Kaninchen wieder einfängt. Die älteste Tochter war bereit für die Hochzeit am nächsten Tag. Ich ließ mich das Wasser hinuntertreiben bis zur nächsten Kurve. Am Abend traf ich das Pferd, auf ihm eine bunte Decke, die mich an die Farben der Berge in den Anden erinnerte, neben ihm lief der Vater. Er sucht die Ruhe im Wald, verstand ich, es sei ihm zu laut im Haus, verstand ich, oder stellte ich mir vor, die sprudelnden Töchter in Vorbereitung der Feier. Die Mutter voller Sorgen, verstand ich, weil die Tochter nun das Haus verlässt, in die Stadt zieht, in die Hauptstadt, mehrere hundert Kilometer weg. Aber sie haben ja noch die anderen, sagte ich am nächsten Tag zu ihr, sehen sie mich an, dachte ich und sah zu meiner Tochter mit dem hellgewordenen Haar hinüber, wie sie die Katzen ärgerte, sie in einen kleinen Karton steckte und immer wenn sie hinaus wollen, wieder zurück gesteckt. Ich mahnte. Die Mutter blinzelte zu ihr und sagte, lass sie, zumindest entnahm ich es ihren Gesten. Und nun sollte ich mehr Himbeerkuchen essen. Aus dem Garten, selbstverständlich, naravno, of course. Malina, eine Himbeere, Maline, viele Himbeeren. Die große Tochter kommt von der Maniküre, mit roten Fingernägeln, sie ist so schön, sah ich im Gesicht der Mutter, die Nachbarin pflegt die Nägel der Familie. Sehen sie mich an, dachte ich, ich wohne in der Hauptstadt, weit von meiner Familie weg, ich bin das einzige Kind und mit meinen Eltern habe ich mich verstritten schon seit Jahren, und alles habe ich mir selbst so zurechtgelegt, ja inszeniert vielleicht. Ein elendiges Studium an einer der Hauptstadtuniversitäten und immer elendiger werdende Jobs, um mir und Magda das Leben zu versüßen. Schau mich an, dachte ich zu ihr, sie schaute mich an und schüttelte lachend mit dem Kopf. Mädchen, du musst essen, entnahm ich den Handgriffen. Morgen geht meine Tochter in die Hauptstadt und ich habe nicht mitbekommen wie sie so schnell groß werden konnte, entnahm ich ihren Händen, die auf die kleinen Mädchen zeigten, ihre Kinder lachten über sie, Mama, Mama, Mama, sagten sie, sei doch froh, eine weniger. Sie fragten mich, wieso ich am Strand schlafe, sie hätten noch Platz, sagten sie. Ab morgen solle ich bei Ihnen schlafen, sagten sie auf Englisch. The space around me, sagte ich schnell. I need, ich mag es morgens unter der Sonne aufzuwachen. Der Großvater stand neben mir und sagte, wir müssten uns beeilen. In meinem Traum der vergangenen Nacht hatte er den Bräutigam erschlagen, nun trug er Magda auf seinen Schultern. Auf der Kirchenbank wurde ich ohnmächtig, ganz unauffällig, es merkte niemand. Von hinten reichte mir jemand eine Flasche Wasser. Der Schutzengel hängt an meiner Wand in der Wohnung in der Hauptstadt. Magda erkannte das Herannahen der Hufe schon bevor der Vater zu sehen war. Das geschmückte Pferd glänzte, nass vor Hitze. Der Vater ritt mit der schönen Braut ein letztes Mal gemeinsam durchs Dorf. Später wird sie mit dem Auto kommen, denke ich, im Sommer, aus der Hauptstadt.
Der Großvater legte dem Bräutigam lachend die Hand auf die Schulter. Er mag ihn nicht, glaubte ich, er war aber zu feingliedrig, um es sich anmerken zu lassen. Ich bin glücklich, sagte er zu mir auf Englisch. I am. Er wird Urenkel bekommen, dachte ich. Und sonst. Werden sie ihre Tochter besuchen?, fragte ich. Vielleicht, sagte er. I am. Er ist dafür zu alt, fuhr die Mutter dazwischen, lauter Tränen, Tränen über Tränen. Heute Nacht schläfst du aber bei uns entnahm ich ihrem barschen Ton und jetzt wird erst mal gegessen, angestoßen und natürlich getanzt. Dance with me, sagte der vierzehnjährige Sohn und Magda wiederholte, dance dance dance. Später schlief sie auf den Schultern des Großvaters, hellblond und mit gebräunter Haut, den Kopf auf den weißen Haaren. Ich beschloss in den nächsten Tagen abzureisen, als der Bruder mich mit einem plötzlichen Ruck sehr nah an sich heranzog, nur Spaß sagte er, als er meine Gegenbewegung spürte, relax sagte er. Du musst mehr tanzen sagte er, more more. Meine Umrisse wurden weich, ich nahm seinen Ratschlag an. Mein Vater sagte zu mir, als ich ihn das letzte Mal sprach, du musst umherreisen solange du jung bist. Ich habe es als eine Ausrede verstanden, als Ausrede dafür, dass er nun festsitzt. Ich weiß nicht, wie es mich hierher verschlagen hat, sagte ich in die inzwischen vertrauten Augen der fremden Mutter. Jeden Morgen wie eine Taufe: das Wasser im Gesicht, untergetaucht. Die Handgelenke unter dem Wasserhahn. Das Schnaufen des Pferdes durchs Fenster. Magda saß mit einem Rucksack auf der buntgemusterten Decke voller Stolz.
Nora Wicke
08/02/09

((rough english translation by s.michajlovic))

A story from cards laid out in rows

Around the table sat a family. The black horse in the stable, a handsome stallion, in my view he had too little space. The beach was close, even if the tender grandfather only went there for fishing. There he ran into my daughter, who was next to him whenever she could. The powerful, in fact strong father showed us his horse, later he locked the door again, while we stood in the far too bright sun, the mother drove us back to the small white table, the number of children changed from time to time, they had five, the smallest was seven years old and showed the rabbit to my daughter. We come from the city, I said apologetically, apologetic for sunburn, cat allergy, fear of horses, the refusal of plum brandy, at least in the beginning. We come from the city, I said: We have no idea, I‘m sorry. How to burn schnapps or to recapture a rabbit. The oldest daughter was ready for the wedding the next day. I let the water drift me downstream to the next curve. In the evening I met the horse covered with a colourful blanket, that reminded me of the colours of the mountains in the Andes, alongside ran the father. He looks for silence in the woods, I understood that it was too loud to him in the house, I understood, or I‘m imagining the bubbling daughters in preparation for the celebration. The mother full of worries, I understood, because now the daughter leaves the house moving to the city, moving to the capital, several hundred kilometers distant. But you still have the others, I told her the next day, look at me, I thought and looked at my daughter with her hair that had become brighter by now, how she annoyed the cats, she put them into a small box and every time they try to get out, she is putting them back. I warned her. The mother winked to her and said, let her play, at least I took her gestures for that. And now I should eat more raspberry cake. From the garden, of course, Naravno, of course. Malina, a raspberry, Maline, many raspberries. The older daughter comes from the manicure, with red finger nails, she is so beautiful, I saw the face of the mother, the neighbor cherishes the nails of the family. Look at me, I thought, I live in the capital, far away from my family, I am the only child and I am on bad terms with them for many years, and everything I have put in place for myself, perhaps put in scene. Miserable studies at an university in the capital and increasingly miserable job to sweeten life for me and Magda. Look at me, I thought about her, she looked at me and laughed and shook her head. Girl, you have to eat, i gathered from her handling of things. Tomorrow my daughter goes to the capital and I have not noticed how quickly she became that big, I gathered from her hands, that pointed at the little girls, her children laughed about it, Mama, Mama, Mama, they said, you have to be glad, one less. They asked me why I would sleep on the beach, they had enough space left, they said. From tomorrow, I should sleep at their place, they said in English. „The space around me“, I said quickly. „I need“, I like it to wake up under the morning sun. The grandfather stood beside me and said that we need to hurry. In my dream the previous night he had slain the bride-groom, now he carried Magda on his shoulders. On a church bench I lost consciousness, quite inconspicuous, no one noticed it. From the back someone handed me a bottle of water. The guardian angel hangs on the wall in my flat in the capital. Magda knew of the approaching hooves before the father was to be seen. The decorated horse gleamed, wet heat. The father rode through the village with the beautiful bride, one last time. Later they will come by car, I suppose, in the summer, from the capital.
The grandfather laughed and put the bride-groom‘s hand on his shoulder. He doesn‘t like him, I guessed. but had too delicate limbs for this to get noticed. I am happy, he said to me in English. He will have great-grandchildren, I thought. What else? Will you visit your daughter, I asked. Perhaps, he said. I am. He is too old, the mother interrupted, only tears, tears over tears. Tonight, you are sleeping in our place, I gathered from her harsh tone, and now at first lunch has to be eaten, lift glasses, and of course dancing. Dance with me, said the fourteen year old son and Magda repeated dance dance dance. Later she would sleep on the shoulders of the grandfather, with light blond hair and tanned skin, her head on the white hair. I decided to leave in the next few days, when the brother pulled me very close with a sudden jerk, just fun, he said, when he sensed my movement, relax, he said. You have to dance more, he said, more, more. My outlines became soft, I took his advice. My father said to me, you have to travel around as long as you‘re young, when I talked to him the last time. I took it as an excuse, an excuse for the fact that he is now firmly in place. I do not know what brought me here, I said towards the now familiar eyes of the mother. Every morning, like a baptism: the water in the face, submerged. The wrists under the tap. The wheeze of the horse through the window. Magda sat on the coulored blanket with a backpack proudly.

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